Winterblues? Winterblues!

Irgendwie träume ich die letzten zwei Wochen vermehrt von der guten alten Zeit.

Angefangen hat das in der letzten Woche, als ich mal wieder beim ZDF-Frühstücksfernsehen zuschaltete und ein Interview mit Til Brönner sah, der seine Weihnachts-CD dort vorstellen durfte. Ich, die ich normalerweise aufstöhne, wenn alles nur noch „Last Christmas“ spielt und es schon vor meinem Geburtstag Anfang September Lebkuchen und Dominosteine zu kaufen gibt, wollte plötzlich unbedingt diese CD haben. Will ich immer noch.

Stattdessen recherchiere ich. Recherchieren ist eigentlich schon lange nicht mehr das richtige Wort dafür. Ich suche im Internet verzweifelt nach diversen Dingen – Drucker, Diktiergerät, Massageliege, Flipchart, eben all das, was ich für meine Selbstständigkeit so brauche. Während ich mich im Netz verirre, wo man ja angeblich alles findet und vor allem vergleichen kann – in welcher Hinsicht eigentlich? – ist es schon wieder dunkel, wenn ich das erste Mal wieder aus dem Fenster sehe. Ja, ich hatte den Tag schon bemerkt, daß beim Aufstehen die Sonne schien. Das war aber schon etliche Stunden her.

Also dachte ich mir, da ich im Netz nichts fand, es wäre mal an der Zeit den Winterblues und die Augenringe mit etwas Tageslicht zu bekämpfen und mal rauszugehen. Die Geschäfte aufzusuchen und mir die Dinge vor Ort anzusehen. Zwischendurch könnte ich dann Luft und Licht mitnehmen. Das soll ja auch gegen Winterdepressionen helfen. Jeden Tag mindestens 20 Minuten Tageslicht.

Abgesehen davon, daß der Regen pünktlich zu Beginn meiner Tour einsetzte, und auch pünktlich wieder endete, gab es etwas Licht und feuchte Luft. Ob das mit täglich 20 Minuten gemeint war? Ich bezweifelte es, insbesondere angesichts meiner nassen Füsse.

Ich hatte ja außerdem noch die Hoffnung, daß eine persönliche Beratung im Geschäft vor Ort mir behilflich sein würde und mich aus meiner Verwirrung befreien könnte. Ich gelangte also in das Geschäft, soweit war ich erfolgreich.

Um festzustellen, daß längst nicht all die Geräte, die ich anschauen wollte, da waren. Die hätte man bestellen müssen. Oder das wären sowieso Auslaufmodelle. Wenigstens hatte ich Auslauf gehabt.

Anschließend bemerkte ich, daß das mit der persönlichen Beratung heute gänzlich anders verstanden wird als früher. Persönlich ist allenfalls die Bindung des Verkäufers an eine bestimmte Marke, für die er dann persönlich in dem Geschäft für gute Verkaufszahlen sorgt.

Der eine versuchte mir Samsung-Geräte zu verkaufen, der andere HP, der dritte Siemens. Ich will hier keine Schleichwerbung machen, ich kann auch noch andere Marken aufzählen, von deren persönlichen Verkäufern hab ich aber nichts mitbekommen: Canon, Epson, Brother, mir fällt grad keine mehr ein.

Ergebnis: ich bin so schlau wie nie zuvor. Wenigstens hatte ich meinen Auslauf. Aber wenn ich nicht mehr wegen Lichtmangel die Depression bekomme, dann wegen der ergebnislosen Rennerei und Recherche.

Wieder etwas, um nostalgisch zu werden. Früher unterschieden sich die Dinge noch, oder?!? Früher gab es eine fachkundige Beratung. Wenn man in drei verschiedenen Geschäften war, hatte man etwas erfahren. Heute erfährt man nur noch was über geänderte Verkaufsstrategien und im Internet, daß das „es geht immer billiger“ durch die Versand- und Verpackungskosten wieder aufgefressen wird. Oder bei ebay-Einkäufen darf man der Rechnung hinterherlaufen.

Eigentlich ist am Sonntag der 1. Advent und wir wünschen uns immer noch eine friedliche und besinnliche Weihnachtszeit. Eigentlich.

Mal ehrlich: wenn diese Zeit wirklich besinnlich wäre und wir sie mit Keksebacken, das Haus schmücken, Spazierengehen, Geschichten erzählen und einer wirklichen Vorfreude auf Weihnachten und das nächste Jahr verbringen würden, hätten wir dann tatsächlich einen Winterblues? Eine Depression?

Ich denke: eigentlich hätte ich weniger mit Winterdepressionen zu kämpfen, wenn ich das tun würde, was in dieser Jahreszeit der kurzen Tage und langen Nächte, ansteht, nämlich über das letzte Jahr nachdenken, mich auf Weihnachten freuen, auf die Wintersonnenwende, mit der die Tage wieder länger werden. Ein Zusammensein planen, innere Ruhe finden und neue Ziele für das nächste Jahr anvisieren.

Danach sehne ich mich eigentlich, wenn ich an „die gute alte Zeit“ denke. Obwohl die sicherlich nicht nur gut und auch nicht leicht war.

Große Pläne machen, so wie es jetzt der astrologischen Schütze-Zeit entspricht. Philosophie, Studium, die höhere Bildung, das Betrachten des Erreichten und das Weitergeben der Erfahrungen und des Gelernten ist eigentlich in dieser Zeit angesagt. Viel und groß und idealistisch. Das sind die Stichworte für die Schütze-Zeit. Viel Essen, viel ausgeben, viel kaufen.

Nicht mehr: die Fülle schätzen, die wir hoffentlich geerntet haben, die wir nach diesem Jahr erreicht haben. Nicht solange die Weihnachtsgeschenke nicht gigantisch ausgefallen sind.

In der Astrologie sagt man, beim Widder brennt das Feuer in den Muskeln, beim Löwen im Herzen und beim Schützen im Kopf, in den Gedanken, der Philosophie. Niemand sprach davon, dem größten Geschenk hinterher zu hetzen. Niemand sprach davon, daß alles noch vor der Wintersonnenwende erledigt sein müßte, vor Weihnachten.
Pläne machen heißt noch nicht, sie umzusetzen, sondern einfach erstmal das Ziel anvisieren, das Bild entwerfen, damit ich es im nächsten Jahr, im nächsten Frühjahr wirklich gut und konzentriert umsetzen kann. Natürlich fällt dazu nicht nur mir „Zen und die Kunst des Bogenschießens“ ein.

Zu Weihnachten kommt dann der Kater, dann setzt Steinbock ein und wir werden wieder auf unsere – auch körperlichen – Grenzen aufmerksam gemacht. Es ist Zeit, festzustellen was wirklich notwendig und lebenswichtig für uns ist. Es wird Bilanz gezogen und wir erleben deutlich, was wir erreicht haben.

Wenn es nicht das ist, was wir uns vorgestellt haben, dann folgt auch hier die Depression. Die Depression des „ich bin nicht gut genug“. Aber auch dafür gibt es ein Gegenmittel, und dies besteht nicht nur aus Johanniskrauttee, der bekanntermaßen dafür sorgen soll, daß wir das Licht besser verwerten könnten.

Das Gegenmittel heißt: zieh Bilanz und setz dich hin und sitze nach. Mach einen Stundenplan und erarbeite dir das, was dir fehlt, anstatt zu maulen, daß es nicht Sommer ist und du dich nicht mit einem Cocktail am Rhein oder der Elbe ablenken kannst.

Aus Sicht vieler mache ich mich jetzt sicherlich unbeliebt, indem ich sage: es geht nicht um eine Strategie gegen den Winterblues, sondern ein mitgehen mit der Zeit, den anstehenden Aufgaben.

Ich plädiere für eine Strategie für diese Zeit, mit einem anderen Stundenplan und einem Schwerpunkt auf in-mich-gehen, Bilanz ziehen, innehalten.

Solche nostalgischen Anwandlungen mit eigenem Sinn füllen und ausleben kann dabei helfen. Nicht nur mir.

 

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